Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS)

Von Hanna Dalitz (Logopädin)

Was ist das?

Die Störung der auditiven Verarbeitung ist ein Oberbegriff für Probleme in der Verarbeitung von gehörter Sprache, die nicht durch eine Schwerhörigkeit im klassischen Sinne verursacht wird. Die auditive Verarbeitung umfasst verschiedene Teilbereiche des Hörens wie z B. Lokalisation (Aus welcher Richtung kommt das Geräusch?), Mustererkennung (Erkennen von wiederkehrenden Mustern in der Sprache wie Sätze, Silben etc.), Diskrimination ähnlicher Laute und Worte (z B.  Unterscheidung von “b” und “d”), das Speichern von Gehörtem (Wörter oder Sätze merken) und das Hören unter erschwerten akustischen Bedingungen (im Störschall oder bei gleichzeitigem Sprechen mehrerer Sprecher). Von einer AVS spricht man, wenn mindestens zwei Bereiche betroffen sind. Außerdem sollten die Probleme nicht durch Störungen der Aufmerksamkeit oder eine generelle Entwicklungsstörung verursacht sein. Jungen sind fast doppelt so häufig betroffen wie Mädchen.

Ab wann ist eine Behandlung sinnvoll?

Eine AVWS kann nur zwei, mehrere oder auch alle Bereiche der Hörverarbeitung betreffen und diese unterschiedlich stark betreffen. Demnach fallen die Beeinträchtigung und das Störungsbild bei jedem Patienten anders aus. Kinder mit AVWS können schon früh Probleme im Erwerb der Sprache haben und bereits im Kindergartenalter logopädische Unterstützung benötigen. Oft fallen die Schwierigkeiten aber erst mit Schuleintritt auf, wenn die Kinder dem Unterricht schwer folgen können oder starke Probleme mit dem Lesen- und Schreibenlernen haben.  Bei Verdacht auf eine AVS sollten die Betroffenen einen Facharzt für Hörstörungen bei Kindern (Pädaudiologie) aufsuchen.

Was sind mögliche Symptome?

Kinder und Erwachsene mit AVWS können Probleme haben in einer unruhigen Umgebung Gesprächen zu folgen (z B. bei einer Familienfeier oder beim Training). Dies wird teilweise schon im Kindergarten deutlich, wenn das Kind Aufforderungen des Erziehers nicht bemerkt oder häufig nachfragt. Der Spracherwerb kann für Kinder mit AVWS erschwert sein, so brauchen sie länger um ähnlich klingende Laute zu lernen oder neue Wörter werden nur sehr langsam erworben und brauchen viel Wiederholungen bis sie sicher abgespeichert sind. Mit dem Schulalter treten dann oft Schwierigkeiten im Bearbeiten von Wörtern auf: Silben trennen, Reime bilden, Anfangs- oder Endlaute eines Wortes hören, ein Wort in Teile zerlegen oder einzelne Laute zu einem Wort zusammenzusetzen. Diese Probleme können dann zu Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben führen. AVWS kann auch gemeinsam mit einer Lese- und Rechtschreibschwäche auftreten.

Wie sieht eine Behandlung aus?

Mit jüngeren Kindern vor Schuleintritt wird spielerisch am Erkennen von Gleichen und Ungleichen Elementen der Sprache gearbeitet und der Spracherwerb unterstützt. Die Therapie kann Wortschatz, Reime, erste Übungen zur Wortanalyse wie Länge und Silben, Erkennen von Wörtern in Sätzen oder auch musikalische Elemente umfassen. Bei älteren Kindern wird an den sogenannten Vorläuferfähigkeiten der Schriftsprache gearbeitet. Dazu wird intensiv das Zergliedern von Wörtern in Silben und Laute geübt, das Anordnen, Austauschen und Ersetzen von Lauten in Wörtern, ebenso das Erkennen und Unterscheiden ähnlicher Laute, sowie das Zusammensetzen von Elementen zu Wörtern. Gleichzeitig wird auch die auditive Aufmerksamkeit und die Merkfähigkeit trainiert (z B. ein Wort aus vielen anderen Wörtern heraushören, wichtige Informationen in einer Geschichte merken). Bei Schwierigkeiten im Störschall zu hören kann auch eine Versorgung mit speziellen Hörhilfen, die die Stimme des Lehrers verstärken (FM – Anlage) sinnvoll sein. Für Jugendliche und Erwachsene gibt es Angebote in Selbsthilfegruppen und Vereinen zur Unterstützung in Ausbildung und Beruf.

Prävention

Die Ursachen von AVWS sind noch nicht sicher belegt. Es wird vermutet, dass genetische Einflüsse, verzögerte Hirnreifeprozesse und Umwelteinflüsse eine Rolle spielen. Eltern können ihren Kindern helfen, indem sie versuchen früh die Freude am Spielen mit der Sprache zu wecken. Durch gemeinsames Singen von Liedern, Abzählverse, Reimspiele, Rätsel- und Merkspiele können Kinder gefördert und eventuelle Schwierigkeiten früh erkannt werden.